Trauma und Traumaheilung
Ein Trauma (griech.: Wunde) ist ein belastendes Ereignis oder eine Situation, die von der betreffenden Person nicht bewältigt und verarbeitet werden kann. Es ist oft Resultat von Gewalteinwirkung – sowohl physischer wie psychischer Natur. Bildhaft lässt es sich als eine „seelische Verletzung“ verstehen. [Deutsche Traumastiftung]
Über die letzten zwei Jahrzehnten hat sich das Verständnis für die Bedeutung von Trauma und seinen Auswirkungen auf Mensch und Gesellschaft stark weiterentwickelt und verbreitet. Daraus sind vielfältige Definitionen und Klassifizierungen entstanden, die Trauma jeweils aus einer bestimmten Perspektive darstellen.
Ich orientiere mich hier an einer Definition von Trauma, die mir im Kontext meiner Arbeit mit NARM und Traumasensitives Yoga am sinnvollsten erscheint.
„Wir haben gelernt, dass ein Trauma nicht nur ein Ereignis ist, dass irgendwann in der Vergangenheit passierte. Es ist auch ein Abdruck, der von diesem Erlebnis in Geist, Gehirn und Körper hinterlassen wurde. Dieser Abdruck hat weitreichende Konsequenzen wie der menschliche Organismus sein Überleben in der Gegenwart organisiert. Eine Traumatisierung führt zu grundlegenden Umstrukturierungen in der Art wie Verstand und Gehirn Wahrnehmungen meistern. Das verändert nicht nur wie und was wir über etwas denken, sondern auch die Kapazitäten die uns dafür zur Verfügung stehen.“
Bessel van der Kolk
Trauma - die hinterlassene Wunde
Oft wird ein psychische Trauma als der Grund für eine Verletzung verstanden (z.B. ein Autounfall oder Vernachlässigung in der Kindheit). Ich sehe Trauma eher als die Auswirkung vom Geschehen - die hinterlassene „Wunde“. Die Verwendung vom Wort Trauma im somatischen-medizinischen Kontext verdeutlicht dieser Unterschied - ein Schädelhirn Trauma ist die körperliche Verletzung, die ein Autounfall hinterlassen hat, nicht der Autounfall an sich.
So ist es, dass zwei Menschen, die die gleiche oder ähnliche Erfahrungen durchleben, nicht beide ein Trauma davon erleiden müssen. Das Geschehene trifft auf einem menschlichen Organismus, der in diesem Moment über eine ganz persönliche Kapazität damit umzugehen verfügt und darüber hinaus in einem spezifischen familiären, soziokulturellen Kontext existiert. Alle diese Elemente spielen für das Erleben und Verarbeiten von Trauma eine Rolle.
Typ-I Trauma und Typ-II Trauma nach Judith Herman
[aus Praxisbuch Entwicklungstrauma Heilen, Laurence Heller und Brad J. Kammer, Kosel Verlag]
Trauma Typ-I (Schocktrauma)
- Einmaliges traumatisches Erlebnis
- Klare Anfangs- und Endzeitpunkten. Oft plötzlich und unerwartet
- Lebensbedrohlich („Leib und Leben“)
- Beispiele: Verkehrsunfälle, schwere Verletzungen, körperliche oder sexuelle Übergriffe, Terrorakte in der nahen Umgebung, Naturkatastrophen
- Äußere Sicherheit bedroht
- Symptome v.a. physiologische Dysregulierung
- ICD-11 Diagnose - PTBS
Trauma Typ-II (komplexes Trauma)
- Wiederholtes, langanhaltendes, interpersonales Erleben von Traumatisierung
- Keinen klaren Anfangszeitpunkt und kein definiertes Ende
- Teil des Alltags, nicht unmittelbar lebensbedrohlich. Vor allem in der Kindheit innerhalb menschlichen Beziehungen erlebt
- Beispiele: anhaltende Erfahrungen von körperlichen, seelischen oder sexuellen Gewalt und Vernachlässigung. Verlust eines Elternteils. Psychische Krankheit oder Substanzmissbrauch in der Familie.
- Innere Sicherheits- und Selbstempfinden bedroht
- Symptome v.a. psychobiologische Desorganisation
- ICD-11 Diagnose - KPTBS
Trauma Typ-I - Schocktrauma - entsprechen den von Peter Levine beschriebenen Muster von „zu viel, zu schnell, zu plötzlich“.
Zu komplexer Traumatisierung - Trauma Typ-II - gehört nicht nur ein „zu viel“ von etwas, sondern auch ein „zu wenig“ und „zu lange“. Dazu gehören Entwicklungs- und Bindungstrauma, auf den sich der NARM-Ansatz bezieht.
Beide Arten von Trauma können gleichzeitig eintreten. Insbesondere dann, wenn die Traumatisierung in jungen Jahren, in den wir maßgeblich vom Schutz unseren Umgebung abhängig sind, erlebt wird.
Woher weiß ich, ob ich unter Traumafolgen leide?
„Woran man eine vorliegende Traumatisierung nicht erkennen kann, ist am Ereignis!“ - Dami Charf
Trauma, allem voran komplexes Trauma, hängt stark vom individuellen Empfinden dem, was erlebt wurde. Dazu kommt es, dass gerade Entwicklungs- und Bindungstraumata in der frühsten Kindheit entstehen und durch natürliche psychobiologische Mechanismen verdrängt werden können. Oft gibt es also keine oder nur eine lückenhafte Erinnerung an bestimmten Ereignissen die am Ursprung der Traumatisierung stehen.
Auch deswegen orientieren wir uns am persönlichen Erlebnis und Symptomatik, um Trauma zu erkennen.
Symptome Trauma Typ-I/ Schocktrauma
- willkürliche, wiederholte Erinnerungen an das Geschehene
- Schlaflosigkeit, Alpträume
- Gefühl von Betäubsein
- Schreckhaftigkeit, ständige Unruhe
- starke Ängste, Panik
- sozialer Rückzug, Interesselosigkeit, depressive Symptome
- Wutanfälle
- Vermeiden von Situationen, die ans Trauma erinnern können
Symptome Trauma Typ-2/ komplexes Trauma *
Symptome von K-PTBS sind oft diffuser und schwerer zu greifen - unteranderem weil sie zur „Normalität“ geworden und weit verbreitet sind. Dazu gehören:
- Affektdysregulation - Schwierigkeit in der Regulation der eigenen Emotionen, Kontrolle des eigenen Körpers und Reaktionen. Zustände von Dissoziation und/oder Abspaltung von körperlichem Empfinden, Emotionen und Gedanken. Um diese Dysregulation zu kompensieren wird unteranderem Suchtverhalten eingesetzt.
- Negatives Selbstbild - starker Scham über sich selbst, negative Glaubenssätze, Gefühl von Wertlosigkeit, die das Selbstempfinden bedeutend schwächen und die Affektdysregulation weiter treiben.
- Interpersonelle Störungen - anhaltende Schwierigkeiten in Beziehungen. Empfinden von abgeschnitten-Sein in Kontakt mit Anderen, Glaube „Beziehungsunfähig zu sein“, Ausagieren in Kontakt, Vermeiden von aller Formen von Intimität.
[*aus Praxisbuch Entwicklungstrauma Heilen, Laurence Heller und Brad J. Kammer, Kosel Verlag]
„Die wichtigste Lektion, die ich gelernt habe, ist, dass wir alle die angeborene Fähigkeit haben, unsere Traumen zu heilen.“
- Peter Levine
Als Heilpraktikerin für Psychotherapie arbeite ich mit zwei verschiedenen Methoden in die Behandlung von komplexer Traumatisierung:
- NARM Traumatherapie - das Neuroaffektive Beziehungsmodell ist eine Form von somatisch orientierte Gesprächstherapie die sich spezifisch auf die Integration von Bindungs- und Entwicklungstrauma richtet (Typ-II Trauma). NARM nimmt insbesondere die Bindungsdynamik, die in frühen Traumatisierung eine zentrale Rolle spielt, im Blick. Ein zweiter Hauptsapekt ist in der NARM Traumatherapie der Fokus auf die traumabedingte Anpassung. Durch Fragen, Reflexion und das Verfolgen von emotionale wie somatische Impulse erforschen wir gemeinsam Ihren Themen.
- Traumasensitives Yoga - eine evidenzbasierte, ergänzende Methode zur Behandlung komplexer Traumafolgestörungen (Typ-I und Typ-II Trauma) durch das achtsame Üben von Körperhaltungen (Asana) und Atemkontrolle (Pranayama). TSY bezieht sich insbesondere auf die Rolle vom Nervensystem in die Selbstregulation und fokussiert sich auf das Wiedererlangen von Sicherheit und Selbstwirksamkeit durch Körperwahrnehmung. TSY kann sowohl im Einzelsetting wie auch in der Gruppe praktiziert werden. Hier nehme ich als Therapeutin die Rolle der erfahrene Anleiterin und Mitbübende, die Sie durch Ihre individuelle Praxis begleitet und unterstützt.
„Um durch Trauma zu gelangen, brauchen wir Ruhe, Sicherheit und Schutz, ähnlich wie sie dem Vogel in der sanften Wärme der Hände eines Kindes geboten wird.“
- Peter Levine
Traumaheilung ist ein Weg, der im persönlichen Tempo und behutsam gegangen werden muss und in der Regel über mehreren Jahren dauert. Wie oft in organischen Prozessen der Fall ist, vergeht dieser Weg nicht immer einfach gerade aus, sondern eher in einer spiralartige Bewegung, oft unerwartet, manchmal mühsam und langwierig.
Es geht nicht vordergründig darum etwas zu tun, sondern mit dem zu Sein, was in uns lange im Verborgenen geblieben ist.
Mit der Zeit stellt sich zunehmend Sicherheit ein. Es entstehen neue Möglichkeiten, mit sich selbst, anderen und dem Leben umzugehen. Wir haben mehr Spielraum, mehr Wahlmöglichkeiten, werden uns selbst näher und gleichzeitig zunehmend in der Lage, Kontakt und Beziehungen einzugehen.
Die Farbpalette unserer Gefühle und authentischen Ausdruck kann sich erweitert.
Der Welt können wir uns neugieriger, vertrauensvoller und lebendiger zuwenden.